Viele Führungskräfte definieren sich über Präsenz, Entscheidungen und Lösungsstärke. Sie sind da, greifen ein, räumen Hindernisse aus dem Weg und sorgen dafür, dass Dinge erledigt werden. Lange Zeit galt genau das als gute Führung.
Ich gehe in meiner Führung oft bewusst einen anderen Weg. Ich erzeuge ein Vakuum.
Nicht aus Bequemlichkeit.
Nicht aus Desinteresse.
Sondern aus Überzeugung.
Führung heißt nicht, jeden Raum zu füllen
Ein Vakuum entsteht dort, wo eine Führungskraft nicht sofort entscheidet, nicht eingreift und nicht jede Unsicherheit auflöst. Wo Fragen offenbleiben. Wo Verantwortung nicht automatisch nach oben wandert. Wo Stille entsteht, die zunächst ungewohnt ist.
Dieses Vakuum fühlt sich für viele Teams erst einmal irritierend an. Menschen sind es gewohnt, dass Führung Lücken schließt. Dass jemand sagt, wie es geht. Dass jemand Verantwortung übernimmt, wenn es schwierig wird.
Doch genau hier beginnt Entwicklung.
Entwicklung braucht Raum – nicht Anleitung
Mitarbeitende wachsen nicht, wenn ihnen jede Entscheidung abgenommen wird. Sie wachsen, wenn sie merken, dass ihre Perspektive zählt. Dass ihre Einschätzung gefragt ist. Dass sie selbst Lösungen finden müssen.
Indem ich bestimmte Aufgaben, Entscheidungen oder Problemlösungen bewusst nicht übernehme, entsteht ein Freiraum, der gefüllt werden will. Und dieser Raum wirkt wie ein Verstärker:
- für Eigenverantwortung
- für Problemlösungskompetenz
- für Mut
- für Selbstwirksamkeit
Plötzlich stellen Teammitglieder andere Fragen. Sie hören genauer zu. Sie übernehmen Verantwortung, die vorher immer automatisch bei der Führung lag.
Das Vakuum als Einladung an Menschen mit Führungsanspruch
Besonders spannend wird dieses Vakuum für Mitarbeitende, die innerlich längst mehr wollen, die Führungsanspruch haben, auch wenn sie ihn noch nicht formell tragen. Menschen, die spüren, dass sie gestalten möchten, aber bisher wenig Gelegenheit hatten, sichtbar nach vorne zu treten.
Ein offener Raum wirkt hier wie eine Einladung:
Nicht mit einem offiziellen Titel.
Nicht mit einer Ansage.
Sondern mit einer stillen Frage:
Wer übernimmt jetzt?
Und genau hier zeigen sich oft überraschende Qualitäten. Menschen, die bisher zurückhaltend waren, bringen Struktur ein. Andere moderieren Diskussionen. Wieder andere treffen Entscheidungen, ohne darum gebeten zu werden.
Das Vakuum macht Führungspotenzial sichtbar, das in stark steuernden Umfeldern oft verborgen bleibt.
Vertrauen statt Kontrolle
Ein bewusst erzeugtes Vakuum funktioniert nur auf Basis von Vertrauen. Vertrauen darauf, dass das Team nicht im Chaos versinkt. Vertrauen darauf, dass Fehler Teil von Lernen sind. Vertrauen darauf, dass Menschen wachsen wollen, wenn man sie lässt.
Natürlich bedeutet das auch, Unsicherheit auszuhalten. Nicht alles ist sofort perfekt. Entscheidungen dauern manchmal länger. Wege sind nicht immer effizient.
Doch Führung, die nur auf Effizienz setzt, verhindert oft genau das, was sie langfristig braucht: tragfähige Selbstständigkeit im Team.
Meine Rolle im Vakuum
Wichtig ist dabei: Ich bin nicht abwesend. Ich ziehe mich nicht zurück. Ich beobachte, spiegele, stelle Fragen und greife nur dann ein, wenn Orientierung wirklich notwendig wird oder Risiken entstehen.
Meine Rolle verändert sich:
vom Entscheider
zum Ermöglicher
vom Problemlöser
zum Sparringspartner
Ich halte den Raum offen, statt ihn zu füllen.
Warum das langfristig bessere Führung ist
Teams, die gelernt haben, Vakuum auszuhalten, werden resilienter. Sie sind weniger abhängig von einzelnen Personen. Sie übernehmen Verantwortung auch dann, wenn es unbequem wird. Und sie entwickeln Führung aus sich selbst heraus.
Gerade in komplexen, dynamischen Arbeitswelten ist das kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.
Führung bedeutet für mich deshalb nicht, immer vorne zu stehen.
Sondern manchmal bewusst einen Schritt zurückzugehen – damit andere nach vorne treten können.
Und genau in diesem freien Raum entsteht echte Entwicklung.










